Warum Empfangen eine Kunst ist

Letzten Sonntag ritten wir mit unseren Pferden einen schönen Ausritt – eine Gruppe verschiedener Frauen mit verschiedenen Pferden. Eine davon ist eine eher ängstliche Reiterin, mit wenig Selbstwertgefühl: sie zweifelt viel, entschuldigt sich für Fehler, die niemand bemerkt hätte, und traut sich selbst selten etwas zu. Ihr Pferd, eines mit schwieriger Vergangenheit, bringt ähnliche Themen mit: Unsicherheit, die Neigung zu steigen, wenn ihm etwas zu viel wird, echte Angst vor Dingen, die für andere Pferde völlig harmlos sind. Zwei Nervensysteme, die sich eigentlich gegenseitig schnell hochschaukeln können.

Stattdessen wurde es einer der schönsten Ausritte des Jahres.

Das Pferd ging entspannt, die Ohren aufmerksam, der Schritt gleichmäßig. Als ein Auto aus dem Nichts um die Kurve kam, zuckte es kurz zusammen, beruhigte sich aber sofort wieder, ohne dass die Reiterin überhaupt eingreifen musste. Am Waldrand blieben die beiden stehen, das Pferd senkte den Kopf, schnaubte tief aus. Ich sah, wie sich auch ihre Schultern lösten, wie sie den Moment einfach auf sich wirken ließ. Zwei Wesen, die sich gegenseitig Sicherheit gaben, ohne dass jemand etwas dafür „leisten“ musste.

Zurück im Stall passierte dann das, was mir im Nachhinein mehr zu denken gab als der Ausritt selbst. Ich sagte zu ihr: „Das war heute wirklich stark.“ Und sie winkte sofort ab: „Ach, das war bestimmt Zufall. Der war heute einfach gut drauf. Normalerweise klappt das nicht so gut.“ In einem einzigen Satz hatte sie das, was gerade geschehen war, kleingeredet – ihren eigenen Anteil daran ausradiert, bevor sie ihn überhaupt fühlen konnte.

Ich kenne diesen Reflex. Ich habe ihn selbst jahrelang gehabt.

Das ist die Kunst, die ich meine, wenn ich vom Empfangen spreche. Nicht empfangen im Sinne von Geschenke annehmen. Empfangen im Sinne von: etwas Gutes einfach da sein lassen, ohne es sofort zu relativieren, zu verdienen oder abzusichern.

Ich glaube, Empfangen ist eigentlich der natürlichste Vorgang der Welt. Jeder Atemzug macht das vor: Wir atmen aus – wir geben. Wir atmen ein – wir empfangen. Beides gehört zusammen, beides ist gleich notwendig. Niemand käme auf die Idee, das Einatmen für egoistisch zu halten. Und doch behandeln viele von uns genau das im übertragenen Sinn so: Geben gilt als edel, fleißig, liebevoll. Empfangen gilt schnell als bedürftig, als Schwäche, manchmal sogar als unverschämt.

Ich habe mich das lange gefragt: Warum eigentlich? Warum fällt es uns so viel leichter, für andere da zu sein, als uns von anderen tragen zu lassen – oder, wie bei meiner Reiterkollegin, uns selbst einen Erfolg zuzugestehen?

Ich glaube, es hat mit dem zu tun, was ich in meinem Buch das „Tun-Müssen-Syndrom“ genannt habe: dieses leise, aber beharrliche Gefühl, dass wir uns alles verdienen müssen, was uns gut tut. Liebe gab es für gute Noten. Anerkennung für Leistung. Ruhe erst, wenn die Liste abgearbeitet war. So wachsen viele von uns auf, und irgendwann verinnerlichen wir: Wenn ich nichts dafür getan habe, steht es mir auch nicht zu. Wer trotzdem empfängt, ohne sich vorher krummgelegt zu haben, gilt schnell als egoistisch – als würde er sich etwas nehmen, das ihm nicht gehört.

Aber genau da liegt der Denkfehler. Empfangen ist kein Nehmen. Es schließt nur den Kreis, den das Geben allein offenlässt. Ein Mensch, der immer nur gibt und nie empfängt, brennt irgendwann aus, weil die andere Hälfte des Kreislaufs fehlt. Genau wie ein Wald, der nur wächst und nie ruht, irgendwann erschöpft ist.

Pferde kennen dieses Verdienen-Müssen nicht. Das Pferd der Reiterin hat ihr an diesem Sonntag nicht deshalb Vertrauen geschenkt, weil sie sich in den letzten Wochen besonders viel „verdient“ hätte. Es war einfach bereit. Und sie hätte es einfach annehmen dürfen – ganz gleich, wie „perfekt“ sie geritten war.

Ich weiß nicht, ob sie diesen Ausritt am Ende als ihren eigenen Erfolg abgespeichert hat oder als glücklichen Zufall, den sie schon morgen wieder vergisst. Aber ich musste auf dem Heimweg noch lange an sie denken – und an mich selbst, daran, wie oft ich Gutes genauso schnell wegwische, kaum dass es passiert ist. Vielleicht übe ich es beim nächsten Mal, wenn mir jemand sagt, dass etwas gut war: einfach nur Danke zu sagen.

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About the Author: LindaHeld

Autoren Linda Held
Pferdemensch, Kongressveranstalterin, Autorin, Künstlerin, Wahl-Finnin. Mein Pferd ist nicht das Problem. Die Beziehung zu meinem Pferd beginnt bei mir. Wenn ich mich verändere, verändert sich alles. Besuche meine Website (lindaheld.com) oder den Mega Online-Kongress "Liebe der Pferde" (liebe-der-pferde.com).