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Stell dir vor, du stehst früh am Morgen auf einer großen Weide. Es liegt noch Tau auf dem Gras. Ein Pferd hebt den Kopf und schaut in die Ferne. Das Pferd, das am nächsten steht, hält kurz inne, verharrt einige Momente und kaut dann weiter. Die anderen Pferde fressen gemütlich weiter. Zwei stehen etwas abseits dicht beieinander und dösen. Am Rand der Gruppe bewegt sich ein Pferd ein paar Schritte weg – vielleicht will es etwas erkunden, vielleicht braucht es gerade etwas Abstand. Eins der Pferde schnaubt zufrieden. Ein anderes antwortet und schnaubt ebenfalls.

Eine Pferdeherde ist ein fein abgestimmtes soziales System. Pferde kommunizieren ununterbrochen miteinander: Über Körperhaltung, Blicke, Bewegungen, Abstand und Nähe, telepathisch. Sie entscheiden gemeinsam, wann es Zeit ist zu ruhen, zu fressen, aufmerksam zu werden oder weiterzugehen.

Für Pferde bedeutet Herde deshalb weit mehr als „nicht ganz alleine zu sein“. Sie bedeutet Sicherheit, Orientierung, Beziehung, Zugehörigkeit. Und genau deshalb hat die Herde einen enormen Einfluss darauf, wie wohl sich ein Pferd fühlt – körperlich und emotional.

Als Tierkommunikatorin spreche ich nahezu täglich mit Pferden und sehr häufig geht es dabei um das Wohlbefinden innerhalb der Herde. Dabei habe ich immer wieder erlebt, dass die Antwort wesentlich komplexer ist als „Ja, es hat doch Pferde um sich“. Denn ein Pferd kann mitten in einer Gruppe stehen und sich trotzdem allein fühlen. Es kann einen Kumpel haben, mit dem es sich wunderbar versteht – und gleichzeitig von der gesamten Gruppensituation überfordert sein. Und oft zeigt sich erst im Gespräch, welche Rolle ein Pferd tatsächlich innerhalb seiner sozialen Gemeinschaft übernimmt.

In diesem Blog möchte ich meine Erfahrungen und Tipps für eine harmonische Herde teilen: Was also brauchen Pferde, damit sie sich in ihrem Zuhause wohlfühlen?

Gruppenzusammensetzung: Bedürfnisse verstehen

Ursprünglich sind Herden Familienverbände, in denen die Mitglieder unterschiedliche Aufgaben übernehmen. Je mehr Pferde, desto besser verteilen sich die Aufgaben, je nach Veranlagung der einzelnen Pferde. Häufig teilen sich einige Pferde die gleichen Aufgaben und wechseln sich damit ab, z.B. mit dem Aufpassen, der Wassersuche, der Jungpferdeerziehung oder damit Streit zu schlichten. Je kleiner die Gruppe ist, desto mehr Aufgaben müssen die einzelnen Herdenmitglieder übernehmen. Für manche Pferde ist das unproblematisch, andere fühlen sich dadurch überlastet.

In unseren Haltungsbedingungen stellen wir die Herden künstlich selbst zusammen. Und dadurch ergibt sich die spannende Frage: Was braucht mein individuelles Pferd eigentlich, um sich in einer Gruppe sicher zu fühlen?

Denn Pferde unterscheiden sich erheblich darin, wie viel Nähe, Bewegung, Ruhe, sozialen Austausch oder Eigenständigkeit sie benötigen. Manche Pferde suchen ständig die Nähe anderer. Andere brauchen zwischendurch deutlichen Abstand. Manche sind sehr aufmerksam und übernehmen gern Verantwortung für die Gruppe. Andere entspannen sichtbar, wenn ein souveränes Pferd in ihrer Nähe ist, das ihnen Orientierung gibt.

Dabei sollten wir vorsichtig damit sein, solche Unterschiede ausschließlich über eine klassische „Rangordnung“ zu erklären. Denn soziale Sicherheit entsteht nicht allein durch die Position innerhalb einer Gruppe, sondern vor allem dadurch, dass ein Pferd seine Umgebung einschätzen kann und verlässliche Beziehungen erlebt.

„Ich langweile mich oft. Wir sind nur zu zweit und mein Kumpel Piet rennt immer nur eine Runde mit mir. Danach hat er keine Lust mehr, aber ich bin dann eigentlich erst so richtig warmgelaufen und würde am liebsten noch ein paar Runden rennen. Aber alleine macht das keinen Spaß. Ich traue mich auch gar nicht, ihn dann weiter zum Spielen aufzufordern. Er trifft die meisten Entscheidungen für uns.“ – Nadezh, Araberwallach, 17 Jahre alt

Der größte Stressfaktor: Konkurrenz um Ressourcen

Ein weiterer, entscheidender Faktor bei der Frage, welche Gruppengröße ein Pferd ganz individuell bevorzugt ist das Platzangebot. Leider sind viele Aktiv- & Offenställe überfüllt. Das bedeutet, dass zu viele Pferde auf zu kleinem Raum zusammenleben. Besonders rangniedrige Pferde wünschen sich häufig mehr Individualraum und brauchen Ausweichflächen, um zu ruhen und sich tief zu entspannen, ohne jederzeit vor den anderen weichen zu müssen.

Das Thema Platz spielt auch eine wichtige Rolle beim Futterangebot. Denn der größte Stressfaktor, der zu unruhigen und unharmonischen Herden führt, ist Hunger. Die Faustregel, die Pferde mir seit Jahren dazu nennen, lautet: Es wird immer ein Fressplatz mehr gebraucht, als Pferde in der Herde sind. Bei 13 Pferden bedeutet das 14 Orte, an denen Raufutter angeboten wird! Der Effekt, der dadurch entsteht ist, dass jedes Pferd jederzeit fressen kann, alle satt werden und kein Pferd ein anderes „angiften“ muss, um die Ressource Futter zu erstreiten oder zu verteidigen. Dieser Aspekt allein kann für ein Pferd einen enormen Unterschied machen. Denn Sicherheit entsteht in erster Line dadurch, dass die grundlegenden Bedürfnisse zuverlässig erfüllt werden. Im Umkehrschluss bedeutet das: Pferde, die gezwungen sind, andauernd um die Erfüllung ihrer Grundbedürfnisse zu kämpfen, stehen unter enormem Stress. Und anhaltender Stress macht krank.

Boxenpferde

Diese Aspekte gelten selbstverständlich auch für Pferde, die einen Teil des Tages in einer Box verbringen. Auch hier ist es wichtig, darauf zu achten, dass die Pferde, die nebeneinander stehen, einander mögen und satt werden, damit sie in ihrer Box tatsächlich zur Ruhe kommen und sich entspannen können. Pferde, die ihr Futter oder ihre Box gegen ihre Nachbarn verteidigen, haben Stress. Und Stress macht krank.

Wie und ob Boxenpferde die anderen Pferde im Stall als ihre Herde wahrnehmen, ist sehr individuell:

„Wir arbeiten immer alle zusammen. Zu meiner Herde gehören alle Pferde in diesem Stall, auch wenn ich manche davon nie richtig treffe, weil die Menschen uns durch Zäune trennen. Ich fühle mich trotzdem verantwortlich für alle und leide darunter, wenn es den anderen nicht gut geht.“ – Theo, Oldenburger Wallach, 15 Jahre alt 

„Meine Menschin ist die Herde für mich, ich brauche nur sie. Die anderen Pferde sind schon okay, aber keins davon ist ein richtiger Freund für mich. Meine Menschin ist meine Freundin, ich wünschte, wir könnten beieinander wohnen.“ – Sibylla, Reitponystute, 5 Jahre alt

Die Rolle des Menschen

Der Mensch spielt in der Herde eine besondere Rolle. Wir sind nicht nur Versorger, sondern auch Teil der sozialen Struktur. Es ist unsere Aufgabe, die Bedürfnisse unserer Pferde zu erkennen und zu erfüllen, ohne ihre natürlichen Interaktionen zu stören. Die allermeisten Pferde fühlen sich ihrem Menschen zugehörig und betrachten ihn als Teil der Herde, auch wenn er nicht immer da ist. Wir Menschen übernehmen einen großen Teil der allerwichtigsten Aufgaben innerhalb einer Herde, nämlich das Beschaffen von Futter und Wasser sowie häufig auch die Entscheidung darüber, wann sich die Herde wie lange wo aufhält (z.B. indem wir die Pferde auf die Koppel lassen und wieder hereinholen). Also erwarten unsere Pferde von uns, dass wir diese Aufgaben zuverlässig erfüllen. Mein Pferd Buddy beschwert sich morgens lautstark, wenn ich etwas später dran bin als gewohnt. Er wiehert so lange, bis ich rauskomme, um frisches Heu zu füttern und die Weide zu öffnen. Er sieht es ganz einfach als seine Aufgabe, für die Herde zu sorgen und da er die Tür zur Heukammer nicht selbst öffnen kann, ruft er eben mich.

Und so versteht es sich auch von selbst, dass unsere Pferde sich für uns verantwortlich fühlen. Sie nehmen wahr, wie es uns geht, ob wir gestresst und voller Sorgen sind oder entspannt und gut drauf. Sie versuchen, uns emotionale Last abzunehmen, uns zu trösten und sowohl physisch als auch psychisch zu tragen. Das bedeutet nicht, dass wir für jedes Problem unseres Pferdes verantwortlich sind. Aber wir sind ein erheblicher Teil seines Lebens und beeinflussen es mit unserer eigenen emotionalen Verfassung.

Gehen oder bleiben?

Wenn wir merken, dass sich unser Pferd in seiner Herde unwohl fühlt und grundlegende Bedürfnisse wie ausreichend Futter, Schlaf, Bewegung und freundschaftliche Sozialkontakte nicht erfüllt werden, dann liegt der Schritt nahe, ein neues Zuhause zu suchen. Da Umzüge für Pferde aber in der Regel mit Stress verbunden sind, lohnt es sich, vor einem Stallwechsel das Pferd zu fragen/ fragen zu lassen, ob ein Umzug aus seiner Sicht notwenig ist und mit welcher Gruppenkonstellation es sich zukünftig am wohlsten fühlen würde, um häufige Wechsel vermeiden zu können. Am Ende geht es darum, ein Umfeld zu schaffen, in dem jedes einzelne Pferd möglichst sicher, frei und verbunden leben kann – vielleicht ist das sogar die beste Definition einer harmonischen Herde.

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About the Author: Janika Sedat

Janika Sedat
“Das Buddy-Prinzip": Tierkommunikatorin, Geomantin, Seelencoach, Dozentin für Tierkommunikation & Geomantie. Manchmal braucht es nur ein gutes Gespräch :-) Mein Name ist Janika Sedat, ich bin 35 Jahre alt und die Gründerin vom Buddy-Prinzip. Ich arbeite seit 7 Jahren hauptberuflich als Tierkommunikatorin - ich spreche also täglich telepathisch mit Pferden und bilde auch andere Menschen in der Tierkommunikation aus. Pferden eine Stimme zu verleihen und zu einer besseren Verständigung zwischen Pferd und Mensch beizutragen, ist die sinnstiftendste und wertvollste Arbeit, die ich je geleistet habe!